Tagungsbericht vom UK-Symposium 2010 in Cham

BARRIEREN IM KOPF(-STEINPFLASTER)

Das Symposium für Unterstützte Kommunikation (UK) am 17. September 2010 stand unter dem Motto «Barrieren überwinden». An den Workshops und der Podiumsdiskussion nahmen über 200 Personen – Betroffene, Angehörige und Fachleute – teil. Die Tagung wurde von Active Communication (AC), einer Anbieterin für elektronische Hilfsmittel in der Schweiz, in Zusammenarbeit mit dem buk (Büro für Unterstützte Kommunikation) organisiert. Die Aus-stellung in den Vorhallen bot verschiedensten Firmen, Institutionen und Vereinen Raum für Information und Austausch.

Ein Bericht von Sibylle Wunderle

In der Schweiz erfüllten wenige Lokale die baulichen und logistischen Voraussetzungen, einen Anlass dieser Art und Grösse zu veranstalten, eröffnete Ivan Zavagni, der Moderator von AC das Podiumsgespräch am späteren Nachmittag. Behindertengerechte Zugänge seien in der Schweiz noch lange nicht selbstverständlich. Als Kompromiss mussten die Rollstuhl fahrenden Podiums-teilnehmer über den Hintereingang auf die Bühne gelangen!

Hürden überwinden...

Ein eindrückliches Beispiel, welche Barrieren Menschen mit Behinderung überwinden müssen, zeigte der Erfahrungsbericht von Katrin Lemler, der Frau «die mit den Augen spricht». Ihr Vortrag wurde von einer Computerstimme gesprochen. Den Ablauf und die Illustrationen steuerte sie über Blickbewegungen. Öffentlichkeitsarbeit für Unterstützte Kommunikation ist für Katrin Lemler ein wichtiges Anliegen. Zu den Möglichkeiten von UK für Menschen mit motorischen Beeinträchti-gungen, die nicht über Lautsprache verfügen, gehören neben elektronischen Hilfsmitteln auch körpereigene Kommunikation wie Gebärden, Bilder (Fotos und Piktogramme), Ich-Bücher, Sym-boltafeln und Schriftsprache.

...macht stark!

Die Studentin der Erziehungswissenschaften nahm die Zuhörer mit ihrer lockeren und direkten Art für sich ein. Sie schilderte ihren Weg von einer Förderschule ans Gymnasium, ihre Berufswahl und welche Hindernisse sie dabei mit welchen Hilfen und Unterstützungen überwunden hatte. Die Umwege betrachtet sie aus heutiger Sicht als Chance, indem sie Zeit hatte, auszuprobieren, eigene Erfahrungen zu machen und Kontakte zu knüpfen, die ihr im zukünftigen (Berufs-) Leben zu gute kommen werden.

Der erste Schritt fällt manchmal schwer.

Zur Realität der Rollstuhl fahrenden Katrin Lemler, die rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen ist, gehört auch heute noch, dass ihr fremde Leute auf der Strasse mitleidig über den Kopf streicheln, oder ihr in bester Absicht beim Einkaufen Gummibärchen oder Wursträdchen zustecken. Gemäss ihrer Erfahrung sind die Barrieren in den Köpfen der Mitmenschen oft schwieriger zu überwinden als z.B. eine Bordsteinkante. Gefragt über ihren Eindruck von der Schweiz in Bezug auf Barrieren erzählte sie von einem Erlebnis auf der Zugfahrt: ihre offensichtliche Behinderung wurde beim Grenzübertritt angezweifelt mit dem Hinweis, dass der deutsche Behindertenausweis und somit das Billet für die begleitende Person in unserem Land nicht gültig sei! Dabei und während der Schlussdiskussion wurden Frau Lemlers Beiträge von einem Assistenten virtuos und beinahe ohne zeitliche Verzögerung übersetzt, wobei sie mit den Augen eine imaginäre Buchstabentafel an-wählte.

Wechsel und Übergänge gehören zum Leben

Die Teilnehmenden verliessen das UK-Symposium mit einer Fülle von Ideen zur Förderung der Kommunikation und Lebensgestaltung in der Betreuung von Menschen mit motorischer und/oder kognitiver Beeinträchtigung. Mir persönlich wurde wider einmal bewusst, dass zum Leben jedes Menschen Wechsel und Übergänge gehören. Deren erfolgreiche Bewältigung durch Interaktion mit anderen Menschen sowie der Umwelt ermöglicht Reifung und Entwicklung von Individualität und Identität.